„Ich will endlich wieder hackln“
„Ich habe gute Nachrichten!“, kündigt Rada S. gleich zu Beginn unseres Gespräches freudestrahlend an. Herr T. von ihrer ehemaligen Praktikumsstelle hat sie angerufen. Er braucht sie ab nächster Woche für 20 Stunden – Einkaufswagerl desinfizieren, Kunden begrüßen und Masken austeilen. Befristet natürlich, aber wer weiß, vielleicht könnte ein längeres Dienstverhältnis daraus werden. Sicher ist das nicht, aber das ist ihr egal. „Ich will endlich wieder hackln“, meint sie und seufzt, „Weil daheim fällt dir die Decke auf den Kopf. Ich brauch‘ was, wo ich wieder unter die Leute komme.“
Seit November 2019 ist die 25jährige auf Arbeitssuche. Mit dem Arbeitslosengeld kommt sie halbwegs über die Runden. Bis Mitte März besuchte sie einen Kurs zur beruflichen Neuorientierung, doch der endete plötzlich aufgrund der Ansteckungsgefahr. „Das war katastrophal! Das war dann eine 'Down-Phase', wo einfach null Motivation war.“ meint Rada. Die Struktur, die ihr bis dahin Halt gegeben hatte, fehlte plötzlich. „Es war echt komisch.
Was fang ich mit dem Tag an? Vorher im Kurs, da hab‘ ich gewusst: Wir machen heute das und das, tauschen uns aus, machen bestimmte Sachen. Aber jetzt?“
Sie fragte in der Hofer-Filiale ums Eck, ob sie aushelfen könne. Es war ja die Zeit, in der Arbeitskräfte im Handel gesucht wurden. Aber sie wurde eher ablehnend beäugt. Sie könne sich ganz normal online bewerben, wurde ihr gesagt, aber ohne Ausbildung hätte sie sowieso keine Chance. Das war wenig motivierend. Auch als Erntehelferin hat sie sich beworben. „Ich hab‘ eine Mail zurückbekommen, dass sie nicht alle aufnehmen können und dass es nur für ganze Saisonen geht. Aber falls ich mich trotzdem aktiv für das einsetzen will, dann soll ich regional einkaufen.“ Sie ist ein wenig verärgert: „Zuerst heißt es, es ist Not am Mann und dann schreiben sie dir, du sollst so und so einkaufen.“
Rada lebt mit ihrem Partner in einer Mietwohnung in der Innenstadt, der Bezug zur Natur geht ihr ab. „Meine Mutter, die hat einen Garten, die kann raus und garteln. Das geht mir in der Corona-Zeit sehr ab. Du kannst nichts machen. Am Balkon sitzen und den Wohnblock gegenüber anschauen ist auch uninteressant.“ Der Partner hatte Verständnis für ihre Situation. „Ich glaube, manchmal habe ich ihm leidgetan“, meint sie „weil ich nicht aus dem Haus komme.“ Für ihn ist die Arbeit relativ normal weitergegangen.
Die „Down-Phase“ dauerte zwei, drei Wochen, dann wurde es besser. „Ich hab‘ mir gedacht, ich kann mich da jetzt nicht so gehen lassen, so versumpfen und so ... ich muss irgendwas tun.“ Rada schaffte es, für sich selbst eine Tagesstruktur zu entwickeln: „Ich hab‘ mir dann einen Tagesplan im Kopf gemacht, so: was tue ich als erstes und was kommt danach und mit Belohnungen zwischendurch – wenn ich das und das erledigt habe, dann gönne ich mir Kaffee. Oder was Süßes! Damit einfach ein Lauf reinkommt.“
An der Krise sieht Rada S. einige Punkte kritisch. Sorge macht ihr vor allem die Gefahr der Vernaderung. „Das muss nicht sein!“, sagt sie. „Leben und leben lassen, das ist mein Motto.“ Man muss sich nicht überall aufregen. Was sie jedoch aufregt, ist, dass vieles durch die Krise in den Hintergrund gedrängt wird. „Die grüne Lunge der Erde, der Regenwald, der brennt! Und die Kontrolleure, die bleiben jetzt alle zuhause wegen Corona!“, meint sie und macht sich Sorgen, dass manche Menschen die Krise für persönliche Profite ausnutzen könnten.
Im Endeffekt kann sie der Krise aber auch etwas Positives abgewinnen. „Ich bin ein kleines Stückchen erwachsener geworden in dieser Zeit. Ich war soweit, dass ich mir meine eigene Tagesstruktur aufgebaut habe, ohne dass ich in Schemen und Muster verfallen bin, die kontraproduktiv sind.“, meint sie und freut sich, dass sie auch ihre Familie und den Zusammenhalt mehr zu schätzen gelernt hat. „Gut ist, dass ich eigenständiger denke. Einfach, dass ich mehr in mich gegangen bin und mich und meine Umgebung anders wahrnehme als vorher. Ich habe eine andere Denk- und Sichtweise entwickelt!“