Denkmal vor Basilika Enns-St. Laurenz erinnert an die Todesmärsche vor 80 Jahren
Die Glasstele mit einem Relief des Ennser Künstlers Karl Riedl ist sichtbare Erinnerung an die 87 Opfer, die einst an diesem Ort bestattet waren.
Gras und Schnecken gegessen
Bei der Feier wurden auch Texte von Überlebenden der Todesmärsche gelesen. „Wir gingen zu Fuß nach Gunskirchen. Für die dreitägige Reise bekamen wir die ersten beiden Tage nichts zu essen, am dritten Tag gab es eine Suppe aus saurer, ungenießbarer Rindfleischsuppe, sonst nichts. Wir lebten von Gras und Schnecken auf der Straße. Wir waren völlig erschöpft, und es erforderte eine übermenschliche Anstrengung, das Tempo zu halten. Jeder, der auch nur ein bisschen langsamer wurde, wurde erschossen, aber auch wer den Wächtern nicht gefiel, wurde grundlos erschossen.“ So schildert die Korsettmacherin Ilona Weiss ihren Todesmarsch.
Unvorstellbares berichtet auch der Pinselmacher Gabor Havas: „Wir haben Gras und lebende Schnecken gegessen. Wir hatten große Angst vor den Dörfern. Die SS wartete in den Dörfern auf uns, zerrte hungernde Menschen aus der Schlange … Sie erschossen oder verprügelten ihre Opfer zu Tode.“
Einweihung des Denkmals beim Aufgang zur Basilika mit Vertreter:innen des Mauthausenkommites Enns, Jack Hersch, Bürgermeister Christian Deleja-Hotko, PGR-Obmann Johann Mayrhofer und Betriebsseelsorger Fritz Käferböck-Stelzer (Treffpunkt mensch & arbeit Nettingsdorf) © Mauthausen Komitee Enns / Wolfgang Simlinger
Die Erinnerung an 80 Jahre Befreiung schlug die Brücke zum Heute. Gemeinsam für Frieden war ein Schwerpunkt des Gedenkens, aus der Geschichte zu lernen und aufmerksam die herrschenden Verhältnisse in den Blick zu nehmen scheint zunehmend wichtiger zu werden. Was macht uns heute betroffen? Diese Frage ließ aufhorchen und konnte jede und jeder auch für sich beantworten. „Betroffen macht mich, dass es in unserer Welt wieder „normal" zu werden scheint, Identität über Abgrenzung von anderen gewinnen zu wollen. Das sehen wir in manchen politischen, aber auch manchen religiösen Strömungen und das sollte uns wachsam machen, gegenzusteuern“, so die Worte von Pfarrleiter Harald Prinz. „In einer Schule haben Schüler:innen mit Migrationshintergrund nach der letzten Nationalratswahl gefragt, ob sie nun das Land verlassen müssen. Da stockt einem schon Mal der Atem und es wird die Zerbrechlichkeit und die Wichtigkeit unserer Demokratie bewusst."
Auch heute braucht es wieder Mut
„Ein anderes, menschliches Handeln ist möglich – immer!" Die Worte von Jack Hersch, Autor und Sohn des in Enns vom Todesmarsch geretteten David Hersch machten deutlich, dass neben Unmenschlichkeit und Grausamkeit auch Mitmenschlichkeit möglich war. Sein Vater wurde durch die Courage und den Mut des Ehepaares Friedmann gerettet. Das soll uns ermutigen, auch in unserer Zeit, das Menschenmögliche zu tun. „Imagine all the people, living life in peace“, im gemeinsamen Singen von John Lennons Friedenshymne „Imagine“ stärkten die Teilnehmer:innen die Hoffnung auf ein friedliches Miteinander weltweit. Als Schlusspunkt der Feier legten die mehr als 60 Teilnehmer:innen Steine mit Namen von am Todesmarsch Ermordeten bei der neuen Gedenkstelle ab, um ihnen so Name und Würde ein Stück zurückzugeben.
Am Nachmittag begaben sich mehr als 70 Menschen, darunter viele Schüler:innen des BRG Enns, auf den zweiten „David-Hersch-GehDenkMarsch“. Jack Hersch erzählte dabei die unglaubliche Fluchtgeschichte seines Vaters David und die Rettung durch das Ehepaar Friedmann in Kristein an den konkreten Orten in Enns. Und er ermunterte die Schüler:innen, ihre Eltern nach ihren Geschichten zu fragen. „Eure Eltern sind cooler als ihr glaubt.“